+++ Resümee zur Deutschen Meisterschaft im Gewichtheben, Roding 2018 +++

Es ist getan!
Nach über 10 Wochen Vorbereitung auf dieses Event, habe ich zum ersten Mal gemerkt wie hart der Sport wirklich sein kann. Wenn ich diese ganzen Wochen reflektiere, ist dieser Zeitraum wirklich das Härteste gewesen, was ich jemals in meiner ganzen sportlichen Laufbahn getan habe. In erster Linie möchte ich mich bei allen Bekannten, Freunden und Familienmitgliedern bedanken die mir auf diesen Weg alles Gute gewünscht haben und stets an meiner Seite gewesen sind.
Am 17. November hatten wir den ersten Landesliga-Wettkampf in Herbsleben gehabt, dort konnte ich vor der deutschen Meisterschaft zum ersten Mal live erleben was das Training bis dahin gebracht hat.
Mit einer Leistung im Reißen von 47 kg und im Stoßen von 67 kg beendete ich den Zweikampf mit insgesamt 114 kg. Wir hatten somit unser Zwischenziel von 45/65 kg voll und ganz erreicht. In dem Zeitraum vom 29. Oktober bis zu diesen Wettkampf habe ich Kreatin supplementiert.
Die Wirkung davon hatte sich beim Training und Wettkampf deutlich bemerkbar gemacht, ganz im positiven Sinne. Leider musste ich aber feststellen, dass mein Körpergewicht viel zu hoch geworden ist. Mit 73,5 kg sind meinen Trainer fast die Augen heraus gefallen. Das war eindeutig zu viel, denn ich war durch meinen Landesmeistertitel nur in der Gewichtsklasse bis 69 kg für die DM qualifiziert. Somit hatte ich drei Wochen Zeit um abzunehmen…
Wenn ich ehrlich bin, dann hatte sich in den ersten 2 Wochen gar nichts groß getan. Ich habe mehr Sport getrieben, versucht meine Ernährung umzustellen und meinem Körper endlich begreiflich zu machen wie Abnehmen überhaupt geht. Mein Trainer wurde immer ungeduldiger und ich immer ratloser, vor allem habe ich im Training gemerkt das ich einfach nicht mehr die Lasten schaffe die auf meinem Trainingsplan stehen. Eine Woche vor der DM, an dem Montag war ich fast dabei aufzugeben. Ich hatte immer noch ein Körpergewicht von 71/70 kg.
Nach einer kleinen Auseinandersetzung mit meinem Trainer habe ich wirklich ernsthaft überlegt was ich eigentlich noch will. Und beinah hatte ich mich sogar schon damit abgefunden, Roding aus meinem Kopf zu streichen. Dann ist mir aber klar geworden, wenn ich es nicht bis zum Schluss versuche, dann werde ich es mir ewig nachreden. Meine Kalorienzufuhr habe ich radikal reduziert (vielleicht waren es max. 800 kcal am Tag), beim Training habe ich mich dick eingepackt, ich habe mehr Sport getrieben als zuvor und bin öfters in die Sauna gegangen. Einige Tage davon waren wirklich schlimm, ich hatte teilweise richtig  Hunger gehabt und wusste nicht wie ich das Training überleben soll. In der letzten Woche vor der DM, genau bis zum Mittwoch war immer noch nicht ganz klar gewesen ob ich es schaffen werde. Meine Freistellung in der Schule habe ich trotzdem genehmigen lassen, weil es für mich keine andere Option mehr gab. Die Tage wurden immer unerträglicher, jeden Tag eine Leistungskontrolle, Training welches mich ans Limit brachte, Mitschüler mit leckeren Pausenbroten und meine Konzentration die sich nur noch auf das eine richtete. Am Donnerstag vor der DM setzte ich dann nochmal alles auf eine Karte. Nach der Schule ging es gleich zum Training, im Fitnessstudio warteten schon die Cardiogeräte auf mich. Danach ging ich mit meiner Lisa in die Sauna. Da mir immer noch nicht ganz klar war ob meine Waage zuhause überhaupt richtig ging, stellte ich mich einfach mal im Saalemaxx auf die Waage. Dabei kam schon mal ein ziemlich erfreuliches Ergebnis heraus. Vor der Sauna 68,8 kg und nach der Sauna 68,4 kg. Danach ging es mir aber irgendwie kurzzeitig nicht mehr so gut. Nach einer kurzen Absprache mit Lisa, nahm ich einen Biss von meinem Eiweißriegel. Als ich zuhause war, wollte ich nichts mehr dem Zufall überlassen. Ich nahm vor dem Schlafengehen Dulcolax (Abführmittel) ein.

Freitag vor der DM
Mein Darm hatte mich um 5:30 Uhr geweckt und ich merkte das Mittel zeigt seine Wirkung. Nach dem Stuhlgang habe ich mich erneut schlafen gelegt, als ich ca. 11:30 Uhr wach geworden bin, wusste ich heute geht´s mir absolut scheiße. Ziemlich schlapp und blass im Gesicht schaffte ich es gerade noch meine Taschen zu packen. Um 16 Uhr ging dann die Reise nach Roding endlich los. Insgesamt sind wir 3 Stunden gefahren. Der erste Weg hatte uns gleich zur Halle geführt und nach der Abholung der Startunterlagen sofort zur Probewaage. Alles clean sag ich nur, der zweite Saunagang blieb also aus. Die Stimmung in der Halle war der absolute Hammer und ich wusste morgen wird ein Tag, den ich so schnell nie wieder vergessen werde. Nachdem wir uns alles in Ruhe angeschaut hatten, ging es zum Hotel und ab ins Bett.

Der besagte Samstag
Schon den Abend zuvor habe ich diese innerliche Aufregung gemerkt. Abends im Bett konnte ich keine Schäfchen zählen sondern die Frequenz meines Herzens. Früh um 7 Uhr haben wir uns dann zum Frühstück getroffen. Liebevoll habe ich meine Brötchen für den Moment nach der Waage geschmiert. Auch bereits die Tage zuvor habe ich mir ausgedacht was ich alles verdrücken möchte, wenn ich diesen Tag hinter mich gebracht habe.
Um 7:30 Uhr mit gepackten Taschen ging es dann nach Roding in die Halle. Die Wiegezeit war 8:30 Uhr, mit meinem Startbuch stellte ich mich in die Reihe wo auch schon andere Heberinnen auf die Erlösung warteten. Dieser Moment war für mich total unangenehm, die Mischung aus Aufregung und Hunger machten mich einfach nur wuschig. Natürlich war vom Vortag eigentlich schon sicher das ich es schaffe, aber wie es eben so ist, man macht sich weiterhin unnötige Gedanken. Als ich dann endlich zum Wiegen dran war, war die erste Prüfung bestanden (Wettkampfgewicht 68,0 kg). Und ab diesem Zeitpunkt hatte ich absolut bock endlich zu HEBEN!!!


Mit einem Lächeln im Gesicht ging es zurück zu meinem Trainer und meiner Mutter, dort warteten auch schon meine Brötchen auf mich. Der erste Biss war irgendwie enttäuschend, meine Brötchen schmeckten gar nicht so gut wie ich es mir erhofft habe. War das wirklich die Aufregung? Ich habe mein Pokerface wieder aufgesetzt um mir nichts anmerken zu lassen. Frisch gestärkt ging es dann ans Aufwärmen und letztendlich zur Hantel bevor die Athletenvorstellung begann. Pünktlich um 10:30 Uhr ging es mit 17 weiteren starken Heberinnen auf die Bühne zur Vorstellung. Eine DM Tasse plus ein Nocco BCAA Getränk gab es als Begrüßungsgeschenk. Es war einfach ein unbeschreibliches Gefühl in diesem Moment.
Danach ging es wieder zur Hantel um in den letzten 10 Minuten nochmal eine Last zu heben bevor es auf die Bühne geht. Zur Information: Gestartet wird mit Reißen und jeder hat 3 Versuche. Man gibt eine Anfangslast an und kann x-beliebig nach oben steigern. Nur ein Zurück gibt es nicht. Für jeden Versuch hat man 2 Minuten Zeit. Wer am wenigsten Gewicht angibt, beginnt! Und somit war ich im Reißen die Erste mit einer Anfangslast von 43 kg. Mein Trainer und ich waren uns einig, lieber einen ersten gültigen Versuch als gleich zu viel riskieren. Beim Aufwärmen habe ich mich gut gefühlt und mir war klar mein ursprüngliches Ziel von 50 kg ist heute zum Greifen nah. Der erste Versuch mit 43 kg war gültig, der zweite Versuch mit 46 kg war ebenfalls gültig. Im dritten Versuch wollten wir es dann wissen. Mein Trainer fragte mich: „Willst du 50 kg reißen?“, meine Antwort ganz klar „JA“. Er meldete und ich ging auf die Bühne. Ich sagte mir immer wieder es sind nur 50 kg, ich kann das. Alles in meinem Kopf war klar. Dennoch haben mir ein paar Millimeter für die Hocke gefehlt und ich hätte die Hantel sicher gehabt. Leider ein ungültiger Versuch.


Jetzt sagte ich mir aber, im Stoßen will ich dafür umso mehr geben. Das ursprüngliche Ziel war 70 kg für diesen Tag. Aufgeben wollte ich diese Vorstellung nicht, aber ich musste mich immerhin schon mal mit einem Kompromiss abgeben.  Das Aufwärmen für Stoßen lief gut aber nicht so gut, sodass ich mir nicht mehr sicher war heute viel stoßen zu können. Im ersten Versuch wollten wir wieder einen gültigen und  sicheren Versuch haben. Mit 62 kg sollte das eigentlich auch kein Problem werden. Allerdings ist mir etwas passiert, was mir so noch nie passiert ist. Schon beim Umsetzen in der Hocke angelangt, merkte ich wie sich mein Körperschwerpunkt nach hinten verlagerte. Es gab keine andere Möglichkeit als die Hantel wegzuschmeißen und darunter weg zu springen. Erster Versuch ungültig! Im zweiten Versuch hatte ich die Last wiederholt und auch geschafft, allerdings nur 2:1 gültig vom Kampfgericht bekommen. Viele Steigerungsmöglichkeiten blieben uns nicht mehr übrig, meine Bestleistung lag bei 67 kg. Wir hatten uns für 65 kg entschieden und ich ging zum letzten Akt auf die Bühne. Locker und schnell setzte ich dieses Gewicht um, jetzt blieb nur noch das Ausstoßen übrig. Ich wollte die Last, aber ich habe sie nicht geschafft. Beim Ausstoßen habe ich die Hantel nicht hoch bekommen, somit der letzte Versuch auch ungültig.


Ziemlich enttäuscht habe ich die Bühne verlassen. Mein Trainer nahm mich gleich in Empfang und redete mir gut zu. Meine Tränen konnte ich allerdings nicht mehr aufhalten. Waren es Freudentränen weil der Wettkampf vorbei ist und ich es geschafft habe daran teilzunehmen? Oder waren es Tränen der Trauer weil ich enttäuscht über das Ergebnis war? Ich war mir in diesem Moment ziemlich sicher das es eine Mischung aus beiden war.


Fazit
Dieser Wettkampf war einer der schönsten Erlebnisse in meiner ganzen sportlichen Laufbahn. Der Kontrast zur Leichtathletik gefällt mir gut. Hier wirst du mit Respekt auf der Bühne empfangen und auch verabschiedet. Egal wie viel kg du geschafft hast, die Leute sind fair und loyal zu dir. Ich habe viele Leute getroffen und kennengelernt, zum einem auch einer der besten deutschen Stabhochspringerinnen Lisa Ryzih. Oftmals ist das Hauptaugenmerk der Wettkampf und meistens ist es auch das, was jeder Außenstehende sieht. Hier hat jedoch für mich, vor allem die Vorbereitung und das Drumherum eine große und einschneidende Rolle gespielt. Wenn ich die Chance hätte wieder daran teilnehmen zu dürfen, ich würde es tun. Letztendlich frage ich mich wirklich ob es mir schlecht genug ging, als ich diese ganzen Wochen durchlebt hatte. Solche Momente wie diese sind wertvoll und ich möchte sie nicht missen. Es lohnt sich also viel zu riskieren. Ich habe den  18. Platz bei der Deutschen Meisterschaft der Frauen bis 69 kg im Gewichtheben belegt (sogar eine Urkunde bekommen), das ist auch der letzte Platz! Aber wen interessiert es? Ich war ein Teil davon und das ist gut so.
Ein großes Dankeschön gilt meinen Trainer KDF (einen besseren Trainer gibt es nicht), meinen Eltern für die finanzielle und mentale Unterstützung, meiner allerbesten Lisa für die Ernährungsberatung und die zusätzlichen Laufeinheiten, meinen zwei Physios und besten Freundinnen Luisa und Anja die mich gedehnt haben und mir vor allem mental ständig zur Seite standen und natürlich auch allen anderen die mir viel Erfolg und Glück gewünscht haben.

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